Die Obsbot Tail 2 ist eine Live-Produktionskamera mit schier endlosen Möglichkeiten. Sie besitzt eine Schwenk- und Neigemechanik, kann zusätzlich ins Hochformat gedreht werden und hat einen optischen 5-fach-Zoom. Sie ist im Grunde sicherlich typischerweise in kleinen Studio-Umgebungen zu finden und wird dort über HTMI-Typ-A, USB-C, SDI- oder RJ45-Netzwerkbuchse an weiterverarbeitende Geräte angeschlossen – oder drahtlos per WLAN.
Andererseits hat sie aber einen eingebauten Akku und kann dadurch auch draußen in freier Wildbahn ganz unabhängig genutzt werden. Dort zeichnet sie z. B. auf eine eingesteckte Micro-SD-Karte auf, kann aber auch per Smartphone in die Welt streamen. Scheinbar gibt es nichts, was nicht geht. Der Ton kann über einen Mikrofon- oder Line-Eingang direkt eingespeist werden und mit übertragen bzw. aufgezeichnet werden. Weiteres Equipment für die Aufzeichnung braucht man also unter Umständen überhaupt nicht.
Dabei kann die KI-gestützte Verfolgung sogar einen Kameramann ersetzen – ideal unter anderem für Mini-Aufnahme-Teams oder „One-Man-Shows“. Über die Obsbot Tail 2 könnte man sicherlich stundenlang bzw. seitenlang schreiben. Wir wollen an dieser Stelle einen groben technischen Überblick über das vielseitige Gerät geben, vor allem aber auch von unseren Erfahrungen damit – auch in Verbindung mit Zubehör – berichten.
Genau an dieser Erfahrung haperte es übrigens längere Zeit. Ich habe die Kamera schon etliche Monate in der Redaktion und ausprobiert. Was noch fehlte, war der richtige, „harte“ Praxiseinsatz, bei dem sich die Kamera beweisen musste. Dieser ergab sich erst kürzlich bei den Jahresversammlungen eines Segelvereins, die seit ein paar Jahren von mir betreut „hybrid“ stattfinden, also sowohl live vor Ort als auch online mit per Zoom zugeschalteten entfernten Teilnehmern. Ein idealer Einsatzbereich für die Obsbot Tail 2. Aber dazu später mehr. Jetzt erst noch ein paar Worte zur Technik.
Technik der Obsbot Tail 2
Die gesamte in der Obsbot Tail 2 verbaute Technik aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Dazu verweise ich gern auf die sehr gut gemachte Website des Herstellers.
Die Obsbot Tail ist eine PTZR-Kamera. PTZ steht für Pan-Tilt-Zoom, das R steht für Rotate. Zusätzlich zum freibeweglichen Gimbal kann die Tail 2 nämlich die komplette Kameraeinheit rotieren. Das dient nicht nur dazu, das heute in einigen Social-Media-Plattformen wichtige Hochformat in voller Qualität zu realisieren, sondern es macht auch eine exakte Nivellierung der Kamera unnötig. Praktisch ist das also ein Drei-Achsen-Gimbal, ähnlich wie in einer Foto-Drohne, nur ein paar Nummern größer.
Knapp über ein Kilogramm Gewicht bringt die OBSBOT Tail 2 auf die Waage, ist also nicht gerade klein und leicht. Das ist auch dem stattlichen Objektiv geschuldet, das in einem 9,5 cm langen Zylinder mit 6,5 cm Durchmesser steckt. Neben der erwähnten Drehmechanik bietet es ein komplett innenliegendes, mit F1,8 bis F3,0 recht lichtstarkes Objektiv aus 12 Linsen und optischem 5-fach-Zoom. Die Kleinbild-Brennweite entspricht 22 bis 110 mm. Zur sicheren Führung ist natürlich auch der Gimbal entsprechend groß, und die bewegliche Einheit sitzt auf einem Gehäusesockel, in dem ein stattlicher Akku für bis zu fünf Stunden Dauerbetrieb und zahlreiche Anschlüsse sitzen. Die Unterseite ist natürlich mit einem Stativgewinde versehen, aber ebenso mit einer rutschfesten Gummifläche. Wenn ein geeigneter Untergrund vorhanden ist, kann man die Tail 2 also einfach dort aufstellen.
Als Kamerasensor kommt ein 1/1,5-Zoll-Typ mit Dual ISO, HDR und Phasen-Autofokus auf allen Pixeln zum Einsatz. OBSBOT gibt diesen mit 50 Megapixeln an, 8.192 x 6.144 Pixel sollen es sein. Damit lässt sich dann zusätzlich digital zoomen, sodass sich insgesamt ein 12-fach-Hybrid-Zoom ergibt (entsprechend ca. 260 mm Kleinbild-Telebrennweite). Die genannten Megapixel erreicht man aber weder beim Fotografieren noch beim Filmen. 4K ist in jedem Fall das Maximum. Sowohl bei Fotos als auch bei Videos kommen maximal 3.840 x 2.160 Pixel heraus. Bei der Videoausgabe erfolgt das mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde, die bei Bedarf verringert werden können. Maximal 120 fps sind es bei 1080p. Aus solchen Aufnahmen lassen sich nachträglich Zeitlupen erstellen.
Bei den drahtlosen und drahtgebundenen Schnittstellen gibt es praktisch nichts, was es nicht gibt. Drahtgebunden stehen außer HDMI und 3G-SDI auch eine RJ45-Netzwerkschnittstelle (1 GBit mit PoE+) zur Videobildausgabe und zur Steuerung bereit, um die Kamera in Produktionsumgebungen einzubinden. Dabei geht SDI bis 1080p, alle anderen Schnittstellen bis 4K. Parallel dazu (oder auch ausschließlich) kann die Tail 2 auf einer eingesteckten Micro-SD-Karte aufzeichnen, wahlweise mit H.264- oder H.265-Kompression und mit bis zu 160 MBit/s.
Dabei lassen sich die verschiedenen Videostreams – in gewissen Grenzen – unabhängig konfigurieren. Beispielsweise kann auf der Speicherkarte ein 4K30-Video gespeichert werden, während HDMI oder SDI mit 1080p genutzt wird, und parallel kann auch noch ein stärker komprimierter Live-Stream direkt an eine Video-Plattform gesendet werden. Reizt man die Bildwiederholfrequenzen aus, funktioniert die unabhängige Konfiguration der verschiedenen Ausgabekanäle nicht mehr. Dazu fehlt dem internen Prozessor dann offensichtlich doch ein ganz bisschen Rechenpower. Wer also z. B. unbedingt 4K60 nutzen will, kann nicht gleichzeitig eine andere Auflösung in einem anderen Übertragungsweg nutzen.
Auch zwei USB-C-Schnittstellen hat die Tail 2. Die eine dient der Stromversorgung (Betrieb und Laden des Akkus). Die andere ist eine vollwertige USB-3.0-Schnittstelle, mit der die Kamera Plug-and-Play als UVC-Webcam genutzt werden kann.
Darüber hinaus gibt es noch die Drahtlos-Schnittstellen Wi-Fi 6 und Bluetooth. Darüber kann die OBSBOT Tail 2 einerseits gesteuert werden (Bluetooth), andererseits kann auch ein Livebild in hoher Qualität ausgegeben werden. Und zwar entweder eingebunden in ein lokales WLAN oder on Location als Direktverbindung zum Smartphone oder Tablet. Darüber wiederum lässt sich dann auch direkt ein Videostreaming über das Mobilfunknetz realisieren.
Weitere Anschlüsse sind zwei 3,5mm-Klinkeneingänge für den Ton, einmal für Mikrofon und ein Line-Eingang (eingebaute Mikrofone hat die Kamera nicht, obwohl zwei kleine Löchlein vermuten lassen, dass dies mal geplant war). Hier kann man also etwa ein Drahtlos-Mikrofon anschließen. Je ein 2,5 mm RS232-Ein- und Ausgang dient der Fernsteuerung in professionellen Umgebungen.
Die Einrichtung und Steuerung der Kamera erfolgt mit der App OBSBOT Start vom Smartphone oder Tablet aus. Die Verbindung klappte bei uns sowohl über Android als auch über iOS auf Anhieb und vollkommen problemlos.
Alternativ kann die Kamera vom PC aus über die Software OBSBOT Center oder mit der optionalen Fernbedienung mit dem sperrigen Namen „OBSBOT Tail Air intelligenter Fernbedienungs-Controller“ gesteuert werden, auf Deutsch „Intelligente Fernbedienung OBSBOT Tail Air“. Diese Fernbedienung passt auch für andere PTZ-Kameras von Obsbot, die Tail Air ist eine davon.
Die Fernsteuerung hat auf der linken Seite mysteriöse Kontakte und eine Mechanik, die darauf hindeutet, dass man diese Fernsteuerung in irgendein anderes Gerät einklinken kann. Ein passendes Gerät konnten wir allerdings nicht finden und haben bei Obsbot nachgefragt, was es damit auf sich hat. Tatsächlich ist wohl geplant, dass die Fernsteuerung in einer zukünftigen Version des Obsbot Talent eingerastet werden kann. Obsbot Talent ist ein Live-Streaming-Gerät, das sich drahtlos oder per Kabel mit Kameras verbindet und über das man dann praktisch den Live-Videoschnitt und das Streaming steuert. Im Grunde von der Funktionalität etwa wie ein Blackmagic ATEM Mini, allerdings rein Touchscreen-basiert, ganz ohne „echte“ Tasten und Knöpfe. Eine künftige Version davon kann man dann offenbar um den Remote-Controller erweitern, indem man diesen einfach seitlich andockt.
Tipp Wenn Sie sich für die Obsbot Tail 2 interessieren, schauen Sie sich die Beispielvideos an, die ganz unten auf der Produktseite des Herstellers eingebunden sind. Diese enthalten nicht nur Probeaufnahmen, sondern auch informative Anleitungen (in der Regel auf Englisch) zur Verwendung mit Obsbot-Zubehör sowie mit Produkten anderer Hersteller.
Obsbot Tail 2 in der Praxis
Ich habe die Tail 2 im Grunde zwei verschiedenen Praxistests unterzogen. Zum einen hat es mich gereizt, wie sich die Kamera fernab jeglicher Infrastruktur macht, also ganz „stand alone“ in der sprichwörtlichen Natur. Die andere Anwendung waren die oben erwähnten Versammlungen, die gleichzeitig in Präsenz und online als Zoom-Onlinevideokonferenz mit mehreren Kameras und einem Blackmagic ATEM Mini stattfanden.
Der Einsatz „in der Pampa“ ist sicherlich nicht ganz typisch für solche Kameras. Da die Obsbot Tail 2 aber einen großen eingebauten Akku hat und auch direkt auf einer Speicherkarte aufzeichnen kann, spricht kaum etwas dagegen. Dieses „kaum etwas“ ist hauptsächlich der nicht vorhandene Spritzwasser- und Staubschutz. Eine Actioncam ist die Tail 2 halt nicht, und auf einem Segelboot, am Strand oder im Regen hat die Kamera nichts zu suchen.
Was ich beim Transport sofort vermisst habe, ist ein geeigneter Transportbehälter. Durch den in mehreren Achsen beweglichen Gimbal ist die Tail 2 „schwer zu greifen“ und auch im Grunde nicht einfach zu verpacken. Die Originalverpackung hat zwar eine sehr umfangreiche Polsterung, ist aber recht groß und eher ein Schmuckkarton und für den täglichen Transporteinsatz kaum geeignet. Ich habe mich damit beholfen, die Kamera in ein Einschlagtuch zu wickeln, und habe sie dann vorsichtig in einem ganz normalen Rucksack transportiert. Ich werde für die Kamera aber definitiv noch ein geeignetes Hardcase beschaffen und darin aus dem Würfel-Schaumstoff die nötige Aussparung herausarbeiten.
Zum Aufstellen der gut 1 Kilogramm schweren Kamera reicht ein mittelgroßes, stabiles Stativ. Dabei kann man sich jeglichen Stativkopf oder auch eine Nivelliervorrichtung, wie Videostative sie haben, getrost sparen, denn die Tail 2 braucht nicht ausgerichtet zu werden, sondern kann problemlos auch etwas schräg aufgebaut werden. Die interne PTZR-Mechanik gleicht das problemlos aus.
Ein stabiles Fotostativ mit abgeschraubtem Stativkopf reicht also vollkommen aus, es muss allerdings eine Voraussetzung erfüllen: Das Stativ muss oben unbedingt ein 1/4-Zoll-Gewinde haben, denn ein solches hat die Kamera. Bei Kameras ist das auch üblich. Stative haben unter dem Kopf aber häufig ein größeres 3/8-Zoll-Gewinde. Wenn sich das Stativ nicht umbauen lässt (ich habe ein größeres Traveller-Stativ verwendet, bei dem man den Gewindestift umbauen kann), sollte ein Adapter für die nicht gerade leichte Tail 2 sinnvollerweise eine vernünftig große Auflagefläche haben. Geeignet ist z. B. der nicht gerade günstige Manfrotto 120 Gewindeadapter.
Die Bedienung der Tail 2 erfolgt in freier Wildbahn dann sinnvollerweise über eine direkte Smartphone-Verbindung. Über Bluetooth bekommt man schnell eine erste Verbindung, die daraufhin auch die WiFi-Direktverbindung für das Live-Bild aufbaut. Damit lässt sich dann alles konfigurieren und auch die Aufzeichnung auf der Speicherkarte starten und stoppen.
Die Obsbot Tail 2 besitzt einen Steckplatz für eine Micro-SD-Speicherkarte (nicht im Lieferumfang enthalten). Obsbot empfiehlt die Verwendung einer Karte der Klasse U3, die exFAT- und FAT32-formatiert sein muss. Die maximale Speicherkapazität ist mit 1 TB getestet. Für den Test haben wir eine PNY High Endurance Pro Elite in der Größe 256 GB verwendet – sozusagen das zweite Testgerät in diesem Test. Die Speicherkarte ist speziell für Dauerbetrieb und Sicherheitsanwendungen bei Videoaufzeichnungen ausgelegt, fühlt sich aber natürlich auch in einer Live-Produktionskamera wie der Tail 2 pudelwohl. Die Karte ist mit der UHS-Speed-Class 3 (U3) bzw. V30 gekennzeichnet, garantiert also 30 MB/s. Sie übertrifft diese Mindestanforderung sogar um das Dreifache, allerdings mit der Einschränkung „bis zu“. Bis zu 90 MB/s Daten lassen sich konstant auf die Karte schreiben. Zum Zeitpunkt dieses Tests kostet die Karte in dieser Größe rund 40 bis 50 Euro.
Der Tail 2 Kamera würden auch die 30 MB/s reichen, denn die Datenrate bei 4K60 liegt bei bester Qualität in H.264 durchschnittlich bei etwa 160 MBit/s, das sind knapp 22 MB/s, die die Karte kontinuierlich aufnehmen muss. Bei 4K30 sind es übrigens maximal rund 85 MBit/s (ca. 11 MB/s), 1080p60 nur rund 40 MBit/s (5 MByte/s). In höchster Qualität (4K60) erzeugt eine Minute Aufzeichnung ungefähr 1,2 GByte Daten. Von der Speicherkarte sind effektiv 231 GB nutzbar. Es lassen sich somit über 3 Stunden Video in höchster Qualität aufzeichnen. Das ist sozusagen der ungünstigste Fall. Wer eine längere Aufzeichnungsdauer pro gegebener Speicherkarten-Kapazität benötigt, kann entweder in der Kamera die Bitrate stufenlos auf einen niedrigeren Wert einstellen oder auf H.265 wechseln oder eine geringere Bildrate und/oder geringere Auflösung wählen.
Die 4K60 haben ohnehin, wie oben schon erwähnt, die Einschränkung, dass dann alle Datenströme in diesem maximalen Wert laufen müssen. Wer parallel zur Aufzeichnung auf der Speicherkarte am HDMI-Ausgang z. B. 1080p zur Ausgabe beispielsweise an ein ATEM Mini benötigt, muss ohnehin auf der Speicherkarte mit 4K30 vorliebnehmen. Auch HDR funktioniert übrigens nur bis 4K30 – und auf HDR möchte man auch eigentlich nicht verzichten. So richtig wohl fühlt sich die Tail 2 also bis maximal 4K30. Nur dann stehen alle Funktionen zur Verfügung.
Zurück zum Einsatz in der Natur. Ich hatte mir den Spaß gemacht, im Duwenester Moor in der Nähe von Lübeck/Herrnburg, also wirklich in „wilder Natur“, die automatische KI-Verfolgung auszuprobieren. Kamera aufs Stativ. KI-Verfolgung eingeschaltet, das geht per Hand-Geste oder per Smartphone-App oder per Fernsteuerung, und dann hin- und hergelaufen und auch mal „hinterm Busch“ versteckt. Die Verfolgung arbeitet dabei ziemlich unbeirrt. Sie nimmt die Verfolgung auch zielsicher wieder auf, nachdem das „verlorene Objekt“ wieder auftaucht. Auch kurze Unterbrechungen, z. B. wenn man kurzzeitig von einem Hindernis verdeckt wird, den Weg aber in die gleiche Richtung fortsetzt, haben gute Chancen, nahtlos wieder aufgenommen zu werden.
Hierbei ist es hilfreich, nicht zu weit hineinzuzoomen. Wenn die Kamera noch einiges an Umgebung mit auf dem Bild hat, fallen ihr solche schwierigen Aktionen sehr viel leichter bzw. nur dann hat sie eine Chance, das Objekt überhaupt wiederzufinden. Die Kamera stoppt die Verfolgung nämlich sofort, sobald das Objekt nicht mehr sichtbar ist. Wenn man sehr stark hereinzoomt, z. B. nur auf den Kopf, und das Wiederauftauchen der Person dann außerhalb des Aufnahmebereichs des engen Bildwinkels liegt, hat die Kamera keine Chance, das Objekt wiederzufinden.
Sehr schön kann der Effekt sein, dass die Kamera nicht nur schwenkt, sondern gleichzeitig auch zoomt. Dann versucht die Kamera, das verfolgte Objekt also möglichst gleichgroß im Bild zu behalten. Das sieht dann tatsächlich schon ziemlich so aus, als hätte sich ein Kameramann damit wirklich viel Mühe gegeben! Je nach Anwendungssituation kann das aber natürlich auch ein sehr unruhiges Bild ergeben. Zu viel Schwenken und Zoomen ist auch nicht immer gut. Also am besten mit Bedacht einsetzen.