Überblick und Einordnung
Die jetzt neu vorgestellten Modelle Tiny 3 und Tiny 3 Lite sind die Top-Modelle unter den Obsbot -Webcams, sie folgen direkt auf die Modelle Tiny 2 und Tiny 2 Lite und besetzen nahezu die gleichen Preispunkte. Bei der Tiny 3 sprechen wir von 379 Euro Verkaufspreis, die Tiny 3 Lite ist mit 229 Euro deutlich günstiger. Mit nur 149 Euro noch deutlich darunter liegt die Tiny SE.
Vom Hersteller Obsbot hatten wir in letzter Zeit schon einige Kameras im Test: Zuletzt die Tail 2, eine ausgewachsene Live-Produktionskamera mit optischem Zoom, die mit ihrer Ausstattung und Leistung eher in professionellen oder semiprofessionellen Videoproduktionen eingesetzt wird. Davor hatten wir uns die Tiny SE und die Meet SE vorgenommen, die genau am anderen Ende der Preisskala angesiedelt sind und sich als hochwertige Webcams für jedermann verstehen.
Generell ist bei allen Obsbot -Kameras bislang das sogenannte AI Tracking (also Objektverfolgung mittels Künstlicher Intelligenz) ein herausragendes Merkmal und die Spezialität des Herstellers. Egal ob einfache Meet SE Webcam oder professionelle Tail 2 Live-Produktionskamera: Die Kameras sind – im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten – in der Lage, Motive innerhalb ihres Blickfeldes zu erkennen und zu verfolgen (wohlgemerkt die Kameras selbst und nicht etwa eine Software im PC). Bei der Meet-Serie erfolgt das per Ausschnittvergrößerung der Aufnahme der Ultraweitwinkelkamera, bei den Tiny- und Tail-Modellen ganz professionell per Schwenk-Neigekopf. Die professionelle Tail 2 kann zusätzlich sogar noch optisch zoomen und die Kamera ins Hochformat drehen. Die Steuerung kann dabei außer über Software auch über Gesten erfolgen, die die Kamera erkennt. Das leistungsfähigste „AI Tracking 2.0“ hatte bislang die professionelle Tail 2 und ebendieses befindet sich nun auch in der Tiny 3.
Webcam mit 3-Kapsel-Mikrofon
Was bei Obsbot bislang aber nur eine untergeordnete Rolle spielte, war der Ton. Die professionelle Tail 2 hat überhaupt keine Mikrofone eingebaut, sondern einen Anschluss für ein externes Mikrofon, z. B. für einen Funkmikrofon-Empfänger. Einerseits verständlich, andererseits kann das bei einfachen Anwendungen, wie z. B. als Konferenzkamera, auch eine Einschränkung sein. Die Tiny SE und die Meet SE, die wir getestet hatten, haben zwar beide ein Mono-Mikrofon eingebaut, von dessen Qualität wir im Test allerdings nicht begeistert waren.
Bei der neuen Tiny 3 sieht das alles plötzlich ganz anders aus: Hier ist der Ton das große Thema! „Spatial Audio“ ist jetzt das große Thema. Das heißt normalerweise so etwas wie „räumlicher Ton“; die Bezeichnung steht normalerweise für (mehr oder weniger) dreidimensionalen Klang, der ein räumliches Hörvergnügen schaffen soll. Aber darum geht es hier überhaupt nicht.
Stattdessen hat die winzige Tiny 3 insgesamt 3 Mikrofone eingebaut (zwei omnidirektionale und ein gerichtetes Mikrofon) und kann damit die Aufnahme-Richtcharakteristik des Mikrofons verändern. So etwas kennt man schon unter anderem von einigen Vlogger-Kameras, bei denen man die Mikrofon-Charakteristik elektronisch umschalten kann, also mehr gerichtet von vorn aufnehmen kann, oder eher eine breite Stereoperspektive mit mehr Umgebungsgeräuschen oder sogar den Kameramann hinter der Kamera gleichberechtigt als Sprecher.
Genau das macht die Tiny 3, bei der man zwischen verschiedenen Modi wählen kann (siehe Bilderstrecke mit englischen Beispielen), und sie geht sogar noch einen Schritt weiter: Man kann die Kamera per Sprachbefehl („Hey Tiny“) aufwecken und sie dreht sich daraufhin direkt in die Richtung, aus der die Stimme kam.
Laut Obsbot sollen die Mikrofone besonders leistungsfähig sein: Mit 130 dB Spitzenschallpegel lässt sich auch in sehr lauten Umgebungen arbeiten und 24 Bit Abtastung sollen für eine feine Tonqualität sorgen. Dazu kommen mit 69 dB Signal-Rauschabstand ein geringes Eigenrauschen und mit 50 Hz bis 20 kHz ein weiter Frequenzbereich. In der Theorie soll man damit also oft ohne weitere Mikrofone auskommen. Und wem das dennoch nicht reicht, kann alternativ bis zu zwei der neuen Drahtlos-Mikrofone namens Vox SE von Obsbot direkt mit der Tiny 3 verbinden, die Kamera hat also direkt einen Funkempfänger eingebaut. Das kann beispielsweise in lauteren Umgebungen hilfreich sein oder wenn der Sprecher weiter von der Kamera entfernt ist. Bei allem Aufwand, den Obsbot hier betrieben hat, liefert die Tiny 3 letztlich aber immer nur Mono-Ton, kein Stereo und eben erst recht kein Spatial Audio in dem Sinne, dass da irgendein räumliches Klangerlebnis bei herauskommt.
Großer Sensor mit guten Low-Light-Fähigkeiten
Natürlich muss nicht nur der Ton passen, sondern genauso das Bild. Dazu besitzt die Tiny 3 einen ziemlich großen 1/1,28“ CMOS-Sensor mit satten 50 Megapixeln intern in Kombination mit einem ISO-Bereich von 100 bis 12.800, was eine starke Low-Light-Performance und reduziertes Bildrauschen in unterschiedlichsten Umgebungen ermöglicht. Bei der Ausgabe kann man von 4K mit 30 Bilder/s bis hin zu FullHD mit 120 Bildern/s wählen. Auch HDR beherrscht die Kamera (Single-Frame HDR mittels Dual Conversion Gain) und sie besitzt einen schnellen und präzisen Autofokus, basierend auf Dual-All-Pixel-Phasenautofokus.
Mit einer üblichen Webcam hat das also nichts mehr zu tun, sondern die Kamera, die da werkelt, entspricht eher einer zeitgemäßen Drohnenkamera (die ja ebenfalls in einem Gimbal sitzt) – plus der ganzen Mikrofontechnik. Apropos Gimbal: Anders als in einer Foto- bzw. Video-Drohne müssen hier keine Verwackelungen ausgeglichen werden, denn normalerweise wird man die Tiny 3 fest montieren, z. B. oben auf einem Monitor oder auf einem Stativ. oder einfach auf einen Tisch stellen. Deshalb reichen hier zwei Gimbal-Achsen: eine, mit der die Kamera horizontal schwenkt, und eine weitere, mit der die Kamera geneigt wird. Wer im Hochformat filmen möchte, muss die Kamera auf einem geeigneten Stativk um 90 Grad auf die Seite drehen. Dann übernimmt die Neigerichtung die Schwenks und die Schwenkrichtung die Neigung. Allerdings sind dann auch die Mikrofone um 90 Grad gedreht und verändern damit ihre Richtwirkung.
Zur Montage auf dem Monitor ist eine ziemlich ausgeklügelte Halterung dabei, mit der die Kamera über den vorderen Monitorrand hinaus geschwenkt werden kann, um im Desktop-Modus nach unten zu blicken, also den Tisch vor dem Monitor zu filmen, z. B. um Dokumente zu übertragen. Die Kamera ist unten magnetisch und haftet auf diese Weise an der Halterung. Alternativ kann man die Kamera einfach direkt auf einem ferromagnetischen Untergrund befestigen, z. B. auf einem Whiteboard oder einer anderen Fläche. Will man die Kamera auf einem Stativ montieren, nutzt man direkt das 1/4-Zoll-Gewinde auf der Kameraunterseite.
Die elektrische Verbindung erfolgt über eine USB-C-Schnittstelle. Ein etwa 1,6 Meter langes USB-C-auf-USB-C-Kabel wird mitgeliefert, plus ein USB-C-auf-USB-A-Adapter. Das Kabel ist etwas dick und sperrig und lässt sich nur etwas schwer wieder in die Aufbewahrungstasche zurückbefördern. Alternativ lässt sich natürlich jedes andere USB-C-Datenkabel verwenden.
Unterschiede Tiny 3 Lite zu Tiny 3 Vieles zuvor Beschriebene trifft gleichermaßen auf beide Modelle zu, AI Tracking und sogar das eingebaute 3-fach-Mikrofon sind identisch. Unterschiede gibt es hingegen beim Bildsensor: Der Sensor der Tiny 3 Lite ist kleiner und die Kamera dadurch im Lowlight-Bereich und bei der Dynamik schlechter (4K-Ausgabe beherrscht sie aber ebenfalls). Einfacher gestrickt ist die Halterung: Diese ist fest integriert und kann nicht nach vorn über den Bildschirm hinausschwenken (weshalb die Tiny 3 Lite keinen Desktop-Modus hat). Ein 1/4-Zoll-Gewinde besitzt die Tiny 3 Light dennoch. Nur bei der Tiny 3 ist zudem eine praktische Aufbewahrungstasche dabei, die bei der günstigeren Tiny 3 Light fehlt.
Preis und Verfügbarkeit
Die Obsbot Tiny 3 und Obsbot Tiny 3 Lite sind seit heute (28. Januar 2026) weltweit über den offiziellen Obsbot -Onlineshop, Amazon sowie autorisierte Fachhändler erhältlich. Die Obsbot Tiny 3 kostet 379 € (UVP inkl. deutscher MwSt.). Die Obsbot Tiny 3 Lite kostet 229 € (UVP inkl. deutscher Mehrwertsteuer). Das Drahtlos-Ansteckmikrofon Obsbot Vox SE kostet einzeln 69 €. Die Tiny Smart-Fernbedienung 2 kostet 59 €. Alternativ gibt es mehrere Komplettpakete, darunter eines, dass die Tiny 3 Kamera zusammen mit der Fernbedienung und dem Drahtlosmikrofon enthält und 479 € kostet (man spart also 28 €).
Obsbot Tiny 3 in der Praxis
Einige der nachfolgenden Passagen haben wir aus unserem Test der Tiny SE übernommen, gerade hinsichtlich der Bedienung verhalten sich beide Kameras ähnlich.
Ein großer Vorteil der Tiny 3 ist, dass die wichtigsten Funktionen direkt mittels Hardware und integrierter Gestenerkennung und KI direkt aus der Kamera funktionieren. Man kann also die Tiny 3 auspacken, per USB-C-Kabel (ggf. mit zusätzlich mitgeliefertem Adapter auch an USB-A) an einen Rechner anschließen und direkt loslegen. Die Tiny 3 ist dann eine ganz normale UVC-Kamera (USB-Video-Class) wie jede andere Webcam auch. Direkt ab Werk reagiert sie auf drei Gesten:
- Zeigt man der Kamera die Handfläche, blinkt die LED zweimal grün und leuchtet dann durchgängig blau. Das bedeutet, dass nun der Verfolgungs-Modus aktiv ist. Die Kamera verfolgt eine im Bild erkannte Person, egal ob diese nur kleine Bewegungen vor dem Monitor macht oder sich durch den Raum bewegt. Mit derselben Geste beendet man den Auto-Framing-Modus und kehrt wieder zum normalen Modus mit dem maximalen Weitwinkel zurück (gekennzeichnet durch eine grüne LED-Anzeige).
- Zeigt man der Kamera eine „Winkel-Geste“, Zeigefinger nach oben, Daumen 90 Grad abgespreizt (etwa so wie eine Zoom-Geste auf einem Touchscreen, aber ohne Bewegung), dann heißt das für die Kamera „Aktiviere das 2-fach-Zoom“. Das wird ebenfalls mit einem Blinken der LED quittiert, die Anzeige behält danach ihre Farbe, also entweder Grün, wenn der Verfolgungs-Modus aus war, oder Blau, wenn dieser eingeschaltet war. Herausgezoomt wird wieder mit der gleichen Geste. Dass beide Modi auch in Kombination funktionieren, ist übrigens ein entscheidender Unterschied zu der vor ein paar Tagen getesteten Obsbot Meet SE Kamera ohne Gimbal. Diese kann praktisch nur verfolgen, wenn gleichzeitig etwas reingezoomt wird, denn anders als die Kamera der Tini SE bewegt sich die Kamera der Meet SE nicht wirklich, sondern sie simuliert die Bewegung, indem sie einen Bildausschnitt ihrer Ultraweitwinkelkamera ausgibt.
- Die dritte Geste nennt sich „Dynamischer Zoom“. Dabei wird kein fester Zoomwert angesteuert, sondern man bewegt zwei Hände mit im rechten Winkel gespreizten Daumen und Zeigefinger waagerecht zusammen, und das Zoom bleibt dann so lange aktiviert, wie diese Geste anhält, und stoppt am gewünschten Zwischenwert. Soweit jedenfalls die Theorie. In der Praxis fand ich es recht schwierig, genau den gewünschten Ausschnitt zu treffen, denn das Zoom startet etwas verzögert und läuft etwas nach. Auf diese Weise lassen sich jedoch auch sehr starke Zoomfaktoren erreichen, ohne dass man eine Software dazwischenschalten müsste. Mit der normalen Zoomgeste mit einer Hand kommt man wieder zurück zum Weitwinkel. Hat man in der Obsbot Control Software zusätzlich den „Richtungswechsel“ aktiviert, kann man mit zwei Händen auch wieder herauszoomen, indem man die Hände von innen nach außen führt.
Sehr viel einfacher als die Steuerung über die Handgesten finde ich persönlich die Steuerung per Sprache. „Hi, Tiny“ weckt die Kamera aus dem Schlaf aus (jedenfalls sofern man „Mikrofon im Schlaf“ aktiviert hat, andernfalls ist das Mikrofon auch aus und man muss die Kamera auf eine andere Weise aufwecken, z. B. indem man sie einfach mit der Hand aus ihrer Ruheposition herausdreht. „Sleep, Tiny“ schickt sie ins Stand-by. „Zoom in closer“ zoomt auf den eingestellten Wert. „Zoom out further“ zoomt zurück auf 1x. „Position One“ fährt auf die gespeicherte Position 1 (Position 2 und 3 funktionieren ebenso).
Was die Tiny 3 übrigens ebenfalls direkt aus der Packung automatisch macht, ist eine 180-Grad-Bilddrehung. D. h. wenn man die Kamera aus irgendwelchen Gründen lieber über Kopf montieren möchte, vielleicht an einem Haltearm von oben oder zusammen mit einem Mikrofon an einem Mikrofonarm, dann muss man dafür nirgendwo eine zusätzliche Einstellung vornehmen, sondern die Kamera gibt das Bild automatisch richtigherum aus. Dasselbe funktioniert allerdings nicht bei einer 90-Grad-Drehung ins Hochformat. In dem Fall muss man in der Kamera-Software Obsbot Center nachhelfen und den Porträt-Modus (Hochformat) manuell aktivieren.
Obsbot Center Software
Auch wenn die Tiny 3 direkt aus der Packung ohne weitere Software verwendbar ist, wird man vermutlich zumindest auf einem PC mal die zugehörige Software Obsbot Center installieren. Diese benötigt man nämlich schon für ein Firmware-Update der Kamera.
Die Software Obsbot Center ist unglaublich mächtig. Sie kann bis zu vier Obsbot -Kameras einstellen und steuern, einschließlich der Gimbals der Kameras. Für die Tiny 3 gibt es zahllose Einstellungen, von der Auflösung und Bildfrequenz, der Ausrichtung (Querformat oder Hochformat, hier vom Englischen wörtlich mit Landschaft und Porträt übersetzt), der Bitrate und anderen zahlreichen Grundeinstellungen.
Dazu gibt es mehrere Fenster für die Kamerasteuerung, wo sich unter anderem das Auto-Framing ein- und ausschalten lässt. Zudem kann man noch beeinflussen, wie sich das Auto-Framing verhalten soll (Gruppenmodus, Oberkörper oder Nahaufnahme). Für das Zoom stehen hier insgesamt noch eine weitere Zoomstufe, alternativ zwei verschiedene, sehr moderate Zoomstufen (1,18x und 1,6x) direkt per Schnelltaste zur Verfügung und ein Zoomregler in 0,3x-Stufen bis maximal 4-fach-Zoom. Es lassen sich sogar drei beliebige Kombinationen aus Kameraausrichtung und Zoom abspeichern, also drei bestimmte Positionen, die man dann mit einem Knopfdruck jederzeit direkt ansteuern kann. Auch wie schnell oder langsam Gimbal und Zoom auf den virtuellen Joystick reagieren sollen, lässt sich einstellen, sodass man damit auch ganz sanfte Schwenks machen kann. Da bleiben also keine Wünsche offen.
Außerdem lassen sich die Voreinstellungen für die Gestensteuerung festlegen. Beim Auto-Framing lässt sich einer der oben genannten Modi vorgeben und für die Zoomgeste der Zoomfaktor. Wem das voreingestellte 2x-Zoom etwas zu viel ist, stellt beispielsweise 1,75x oder 1,5x ein und die Zoomgeste wird künftig diesen Zoomfaktor abrufen.
Sehr detailliert lässt sich auch der Verfolgungs-Modus beeinflussen. Beispielsweise kann man definieren, dass nur der Oberkörper das Bild füllen soll, die Kamera zoomt dann automatisch heran, wenn man sich entfernt. Zudem lässt sich ganz genau der Bereich bzw. Kamerawinkel einstellen, in dem die Kamera tracken oder in dem sie sich dann nicht weiterbewegen soll. Beispielsweise kann man so den Bereich eines Flipcharts oder einer Tafel definieren und die Kamera wird dann nicht jede kleine Bewegung mitverfolgen, die die Person in diesem Bereich macht, sondern die Verfolgung erst wieder aufnehmen, wenn die Person den Bereich verlässt.
Ebenfalls sehr umfangreich sind die Mikrofon-Einstellungsmöglichkeiten: Jeder einzelne Sprachbefehl lässt sich beispielsweise ein- oder ausschalten (Aufwachen, Schlafen, Verfolgen, Zoomen, Positionen ansteuern) und ob beim Aufwachen und Tracken die Richtung, aus der der Befehl kam, die Startrichtung vorgeben soll. Auch das externe Drahtlos-Ansteckmikrofon wird über die Software erstmalig mit der Kamera verbunden und dessen Lautstärke kann geregelt werden.
Bei all dem ist bemerkenswert, dass das, was man in der Obsbot Center Software macht, immer nur Einstellungen sind, die intern in der Kamera ausgeführt werden. Die ganze Zeit über liefert die Obsbot Tiny 3 ihr Bildsignal übers USB-Kabel direkt in die Videokonferenz-Software oder Videostreaming-Software. Der Rechner selbst oder die Software muss da gar nichts verarbeiten, das macht die Kamera alles intern.
In der Software lassen sich auch die Grundeinstellungen definieren, in der die Kamera nach dem Einschalten startet. Dazu zählen die Startstellung des Gimbals und des Zooms, die Tracking-Einstellung, der Autofokus, die Beleuchtungssteuerung, Weißabgleich, Farbe, Schärfe und einiges mehr. Man kann also mit einem PC die Kamera für einen Aufnahmeort oder eine Aufnahmesituation vorkonfigurieren. Danach kann jeder andere Anwender die Tiny 3 einfach als Webcam an seinen PC anschließen, ohne dass er sich viel mit der Kamera beschäftigen oder die Obsbot Center Software installieren müsste. Für die grundlegende Steuerung reichen die einfachen Handgesten oder die Sprachsteuerung.
Tiny Smart Remote 2
Um die Bedienung des Gimbals, des Zooms und anderer Funktionen vom PC zu entkoppeln, gibt es die drahtlose Fernbedienung Tiny Smart Remote 2. Diese wird mit zwei AAA-Batterien (nicht im Lieferumfang) betrieben und nimmt über einen im Batteriefach geparkten USB-Funkempfänger Kontakt mit dem Präsentations-PC auf. Damit das Ganze aber überhaupt funktioniert, muss auf dem PC allerdings die Obsbot Center Software installiert und dort muss die Fernbedienungsfunktion eingeschaltet sein. Autark funktioniert die Fernbedienung also nicht. Sie steuert eigentlich nicht die Kamera, sondern den PC. Und der PC steuert die Kamera.
Dafür lassen sich mit der Fernbedienung zusätzlich übliche Präsentationsfunktionen ausführen, wie nächste Folie, letzte Folie oder Hyperlink anklicken. In die Fernbedienung integriert ist zudem eine Laserpointer-Projektion: nicht einfach nur ein roter Laserpunkt, sondern ein kleiner Punkt in einem gut sichtbaren Kreis. Außer der manuellen Steuerung des Gimbals und des Zooms hat die Fernbedienung natürlich auch Tasten für das Ein- und Ausschalten des Verfolgungs-Modus mit und ohne Zoom als Alternative zur Gestensteuerung. Die Tasten sind alle sehr sinnvoll angeordnet und für versierte Bediener auch blind bedienbar. Somit steht einer professionell gefilmten Präsentation, die dann auch ohne Handgesten für Zoom und Motivverfolgung auskommt, nichts mehr im Wege.
Die Tasten sind aus sehr rutschfestem Gummi, an dem leider auch Staub und Schmutz stark haftet, am liebsten in den im Gummi eingearbeiteten Symbolen und in den sehr schmalen Zwischenräumen zwischen den Tasten. Die Fernbedienung sieht dadurch schon nach kurzer Benutzungszeit unansehnlich aus und ist schwierig zu reinigen.
Bild- und Tonqualität
Die Bildqualität der Obsbot Tiny 3 ist super. Das Bild ist einerseits scharf und detailreich, andererseits nicht durch Schärfeartefakte entstellt. Es wirkt sehr natürlich und die Bildqualität ist auch bei sehr spärlicher Beleuchtung noch richtig gut. 4K-Video mit 30 Bildern pro Sekunde sind das Maximum. In der besten Qualitätseinstellung kommt ein Datenstrom mit über 100 MBit/s heraus. Bei FullHD lassen sich auch 60 fps erreichen, die Bitrate beträgt dann bis zu 60 MBit/s und die Aufnahmen sind ebenfalls sehr scharf. Alternativ lässt sich über die Konsole der Obsbot Center Software eine FullHD-Highspeed-Aufnahme mit 120 fps starten, deren Qualität aber aufgrund der extrem hohen Kompression überhaupt nicht überzeugt.
Da der Zoom rein digital arbeitet, nimmt die Bildqualität ab, je mehr man zoomt. Maximal 4fachen Zoom lässt die Kamera zu. Durch die sehr hohe interne Auflösung lässt sich das Digitalzoom erstaunlich gut nutzen. Wenn man aber wirklich 4K-Ausgabequalität benötigt, z. B. für eine direkte Aufzeichnung des Kamerasignals, sollte man den Zoom nur sehr dosiert einsetzen (am besten weniger als 2x). Sobald man die Tiny 3 als normale Webcam nutzt und das Bild der gefilmten Person ohnehin nicht formatfüllend auf einem 4K-Fernseher erscheint, kann man den Zoom problemlos bis 4-fach nutzen – die Qualität im kleinen Fenster oder nach starker Kompression durch ein Videokonferenz-Programm ist dann immer noch vollkommen ausreichend. Hier zeigt sich also ein deutlicher Unterschied zur früher getesteten Tiny SE, die aufgrund ihrer viel niedrigeren internen Auflösung schnell Qualitätseinbußen beim Zoomen zeigte.
Der Ton der Obsbot Tiny 3 ist für eine Webcam fantastisch. Ich würde nicht so weit gehen wollen, wie Obsbot es in den Werbeausagen macht, dass die Kamera jegliche andere Mikrofone ersetzt und man selbst Musikaufnahmen damit machen kann. Ich würde die Qualität schon noch als Sprecher-Mikrofon sehen. Über die verschiedenen Einstellungen lassen sich individuelle Richtcharakteristiken erzielen, die dann auch mal mehr und mal weniger Umgebungsgeräusche aufnehmen. Das 3-fach-Mikrofon sitzt im hinteren Teil der flachen Drehscheibe des Gimbals und dreht sich dadurch mit der Kamera in Richtung des Sprechers. Das ist sehr clever gemacht. Für eine optimale Klangqualität, und damit die automatische Richtungserkennung der Sprache überhaupt funktioniert, ist es einigermaßen wichtig, dass der relevante Schall das Mikrofon direkt erreichen kann. Ideal ist also die Aufstellung frei auf dem Tisch oder im Raum auf einem Stativ, maximal in Kopfhöhe des Sprechers, idealerweise noch etwas tiefer.
Ich selbst arbeite an einem sehr großen Bildschirm (40 Zoll), dessen Oberkante schon über meiner Augenhöhe liegt. Wenn ich darauf noch die Tiny 3 montiere, führt das dazu, dass diese mich etwas von oben filmt (eigentlich nicht schlimm). Die drei Mikrofone können meine Stimme dann aber nicht mehr direkt „sehen“, sondern bekommen sie nur indirekt als diffuses Signal, inklusive Reflexionen aus dem Raum. Das führt z. B. dazu, dass die automatische Ausrichtung beim Aufwecken per Befehl „Hi, Tiny“ nicht zuverlässig funktioniert und die Kamera suchend herumfährt. Steht die Kamera tiefer, z. B. unter dem Monitor oder auf einer Lautsprecherbox auf dem Tisch, funktioniert die automatische Ausrichtung perfekt. Die Positionen sind auch für eine optimale Klangqualität ideal, wenn auch die Qualität oben auf dem großen Monitor immer noch sehr gut ist.
Die Qualität des Drahtlos-Ansteckmikrofons Obsbot Vox SE ist ebenfalls tadellos. Das kleine Ding bietet sich immer dann an, wenn sich der Sprecher frei im Raum bewegen möchte, z. B. ein Lehrer im Unterricht oder ein Sprecher während eines Vortrags. Allerdings muss man sich in den Einstellungen zwischen dem internen und dem externen Mikrofon entscheiden. Beides parallel geht nicht. In einer Konferenz, in der man mal den Sprecher und mal die Teilnehmer im Raum aufnehmen möchte, müsste man wiederholt manuell an der Obsbot-Software umschalten. Sehr praktisch an dem Mikrofon ist übrigens, dass man auch der kleinen Taste, die lang gedrückt das Mikrofon ein- oder ausschaltet, eine Funktion zuweisen kann. Standardmäßig kann man auch damit die Menschenverfolgung ein- und ausschalten. Alternativ lässt sich damit aber auch etwa die Videoaufnahme starten und stoppen oder der Zoom auf 1-fach zurückfahren.
Fazit
Die Obsbot Tiny 3 ist deutlich mehr als nur eine Webcam. Die winzige, 63 Gramm leichte Kamera ist eine vollständig fernsteuerbare Live-Produktionskamera (ein oder bis zu vier Stück davon und die Software Obsbot Center reichen schon für Produktionen) und sie ist auch eine Konferenzkamera. Steuern lässt sie sich über die umfangreiche Software oder über Handgesten oder Sprachbefehle. Die ausgefeilte Personenverfolgung kann bei manchen Anwendungen einen Kameramann ersetzen. Die Bildqualität ist sehr gut, auch bei wenig Licht. Bis FullHD lässt sich auch der digitale Zoom gut nutzen, bei 4K-Ausgabe sollte man ihn eher sparsam verwenden. Das eingebaute 3-Kapsel-Mikrofon ermöglicht auch Sprachaufnahmen in guter Qualität, wobei sich die Richtcharakteristik verändern lässt. Wer möchte, kann zudem einen Obsbot Funkmikrofonsender direkt mit der winzigen Kamera koppeln. Den versprochenen „immersiven Stereo-Sound“ bleibt der Hersteller allerdings schuldig. Die Kamera liefert nur Mono-Ton. Der Preis ist nicht gerade günstig – aber die knapp 380 € (UVP) ist die Kamera wert.
Vorteile
- Gute FullHD-Bildqualität
- Hochwertiges Mikrofon mit einstellbarer Charakteristik
- Platzierung frei stehend, auf Stativ oder auf einem Monitor
- Umfangreiche Steuerungs-Software für 4 Kameras
- Konfigurierbarer Digitalzoom direkt in der Kamera
- Eigenständig arbeitende Verfolgung mittels Gimbal
Nachteile
- Mono-Ton statt versprochenem immersiven Stereo-Sound
- Mit knapp 380 € UVP nicht ganz billig